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Samstag, 24. November 2018 - 17:54 Uhr
Pressetext


Monika von Starck steht auf der Dachterrasse und erinnert sich an den Wacholderbaum, der sich in ihrer Kindheit schützend über das Haus wölbte. Den Baum gibt es nicht mehr. Die einstige Sicht auf den Rhein ist durch einen Neubau verstellt. Aber das Haus selbst ist überwiegend so stehen geblieben, wie es ihr Vater 1929 errichten ließ. Heinrich Hußmann hatte damals auf der Werkbund-Ausstellung in Köln den Architekten Hans Schuhmacher kennengelernt. Mit ihm baute er in Rodenkirchen auf 70 Quadratmetern ein Haus im Stile der neuen Sachlichkeit. In nur knapp vier Monaten für rund 22000 Reichsmark. Monika von Starck zog hier ein, als sie drei Jahre alt war. Heute lebt die 79-Jährige nicht mehr hier, aber arbeitet im lichtdurchfluteten Obergeschoss immer noch als Künstlerin. Für Bauhistoriker ist das Haus ein wichtiges Zeugnis der Moderne. Für Monika von Starck ein Ort der Freiheit.

Frau von Starck, haben Sie bereits als Kind gespürt, dass dieses Haus etwas Besonderes ist?
Ja. Mein Vater hat mir damals schon gesagt: „ Du wirst dieses Haus einmal erben. Bewahre es gut. Denn es ist das kostbare Beispiel einer sehr einflussreichen Zeit.“

Inwiefern war Ihr Vater von der Moderne geprägt?
Mein Vater arbeitete im Sinne des Bauhauses: freiheitlich und menschenfreundlich. Er war Meisterschüler der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig und war 29 Jahre alt als er den Ruf von Konrad Adenauer bekam, an den Kölner Werkschulen zu lehren. Er übernahm damals den Bereich, den wir heute wohl Design nennen würden. Er suchte sich den modernsten Architekten seinerzeit, mit dem er dann dieses Haus verwirklichte. In drei Monaten war es bezugsfertig und günstiger als veranschlagt.

Woran erinnern Sie sich gerne, wenn Sie an das Leben in diesem Haus denken?
Meine Eltern waren sehr intellektuell, meine Mutter war Schauspielerin und Malerin. Künstlerische Freunde gingen also ein und aus. Hier geschah immer etwas Neues, etwas Kreatives. Das ist für ein Kind wunderbar. Unter den Nationalsozialisten galt das Haus als entartet. Für mich und viele andere in Rodenkirchen war das Haus aber ein Ort der freiheitlichen Arbeits- und Denkweise.

Wie haben Sie den Krieg erlebt?
Ich kann mich an die Bombenangriffe Nacht für Nacht erinnern. Ich stand in einer Hölle. Von diesem Haus habe ich gesehen, wie mein Vater beim Löschen anderer Häuser fast ins Feuer gestürzt wäre. So etwas bleibt haften. Himmel und Hölle waren hier ganz nah beieinander. Das ist auch etwas, das mich als Künstlerin immer beschäftigt hat: Dass Menschen beides in sich tragen. Ich frage mich immer wieder, wie die Menschen mit dem Leben fertig werden. Ich persönlich betrachte das Leben als ein unglaubliches Geschenk, das ich jeden Tag dankbar annehme. Das versuche ich, in meiner Arbeit täglich auf die Leinwand oder aufs Papier zu bringen.

Haben Sie als Kind schon viel gemalt?
Das Kreative gehörte in meiner Familie wie selbstverständlich zum Leben. Ich erinnere mich, dass Papier im Krieg und auch noch danach Mangelware war. In der Schule, in einer stillgelegten Fabrik, schrieben wir auf einer Schiefertafel, und zuhause habe ich draußen im Garten in die Erde gezeichnet.

Ist Ihre Dankbarkeit auch deshalb so ausgeprägt, weil dieses Haus im Krieg stehen geblieben ist?
Vielleicht. Aber es hatte auch einen praktischen Grund. Dieses Haus ist stehen geblieben, weil es ein Flachdach hat. Die anderen Häuser hatten brennbare Giebel. Es hat trotzdem lange gedauert, das Haus wieder bewohnbar zu machen.

Sie sind nicht immer hier geblieben...
Nach dem Abitur bin ich zur Kunstakademie in Düsseldorf gegangen. Dort habe ich zeitgleich mit Richter, Polke und Immendorf studiert und noch einmal mehr Gedankenfreiheit erfahren. Damals wurde genagelt, geflämmt und Fett in die Ecken geschmiert. Ich habe eigentlich ein Eigenstudium betrieben. Ich bin konsequent und sehr einsam meinen eigenen Weg der figurativen Kunst gegangen. Das war damals nicht in Mode. Es war fast unanständig.

Wann sind Sie nach Rodenkirchen zurückgekehrt?
Nach dem Tod meiner Mutter stand das Haus leer, war runtergekommen und feucht. Wir haben versucht, das Haus herzurichten, ohne viel daran zu ändern. Schließlich stellte man es 1987 unter Denkmalschutz.

Was hat diese Anerkennung bewirkt?
Die ausländische Presse schrieb viel über dieses Haus, weil es wegweisend für die internationale Architektur war. Es kamen Busladungen voller interessierter Menschen, vor allem Studenten. Die haben wir hier sogar übernachten und im Garten Installation bauen lassen. Das waren aufregende Zeiten. Es ging aber nicht nur um dieses Haus, sondern um das ganze Ensemble der Villen, die hier zwischen 1927 und 1933 errichtet worden waren.

2001 wurde die „Villa Nacken“ dieses Ensembles abgerissen, weil sie nach der teilweisen Zerstörung und dem Wiederaufbau nicht mehr als stilrein galt. Wie haben Sie das empfunden?
Das hat großes Entsetzen ausgelöst. Mich hat gekränkt, dass man Kultur missachtet hat. Es ist ein Verlust, den ich vergeblich versucht habe, der Stadt vor Augen zu führen.

Sie arbeiten hier, leben aber nicht mehr hier. Warum?
Ich würde immer hier wohnen wollen. Das Haus hat eine sehr große Intimität, eine sehr schöne Atmosphäre. Das war schließlich das Programm des Bauhauses. Das neue Wohnen sollte Licht und Luft reinlassen, um würdiger wohnen zu können. Aber ich habe selbst eine Familie gegründet, mit der ich in ein kleines Haus in Weiss gezogen bin. In Rodenkirchen zu wohnen und gleichzeitig zu arbeiten, wäre nicht möglich gewesen. Ich wüsste gar nicht, wohin mit meinen großformatigen Bildern.

Wieso ausgerechnet Weiss?
Ich mag das Dörfliche. Dass man zu Fuß durch die Felder gehen und die Jahreszeiten an den Auenwäldern ablesen kann. Es gibt immer noch eine schöne Tierwelt, auch wenn sie zu meiner Kinderzeit größer war. Ich liebe den Rhein. Er gehört zu meinem Leben. Ich muss ihn jeden Tag sehen. Der Rhein ist eine Verbindungsschnur von den Alpen bis zum Meer und diese Weite in der Vorstellung macht mich glücklich. Ich laufe jeden Tag von Weiss nach Rodenkirchen.

Wie hat sich Rodenkirchen in all den Jahren verändert?
Ich habe ein Gefühl der Bedrängnis entwickelt, weil so hoch gebaut wird. Rodenkirchen war einmal sehr überschaubar und still. Es gab Fischer, Bauern und mehrere Gehöfte im Ortskern. Dort, wo früher Bauer Sommer seinen Sitz hatte, baute man irgendwann das große Geschäftszentrum. Damit war das dörfliche Gepräge am Ende. Man hätte das Dorf behutsam erweitern müssen. Es gibt am Rhein noch Straßen und Ecken, an denen man sehen kann, wie bescheiden und friedlich man hier früher gelebt hat. Auch einige Villen stehen noch, wie die ehemalige iranische Botschaft. Ich erinnere mich, wie ich Soraya begegnete, der persischen Prinzessin mit ihren unglaublich grünen Augen. Von der anderen Seite kam Romy Schneider mit ihrem Dackel. Ihr Stiefvater besaß das Hotel Bellevue, das es heute aber nicht mehr gibt.

Was mögen Sie an Rodenkirchen?
Ich sitze häufig und sehr gerne auf dem Maternusplatz und zeichne meine Begegnungen mit den Menschen. Ich habe eine turmhohe Sammlung von Zeichnungen. Ich bin auch sehr glücklich, dass es in Rodenkirchen so viele Künstler gibt. Das ist schon erstaunlich. Wir arbeiten still vor uns hin, aber wir wissen voneinander und pflegen freundschaftliche Beziehungen. Früher gab es die selbstverständliche Tradition, dass die Künstler im Rathaus ausstellen konnten. Die gibt es leider nicht mehr. Es fehlt ein öffentlicher Raum, wo sich Künstler präsentieren können.

Sie öffnen Ihr Atelier immer wieder für Besucher. Haben Sie den Eindruck, dass auch das Haus immer noch Anziehungskraft ausübt?
Es bleibt immer noch aktuell. Das Interesse wächst sogar wieder, weil das Bauhaus im nächsten Jahr 100 Jahre alt wird. Das Jubiläum macht noch einmal sichtbar, in welcher Zeit es entstand. Wie revolutionär die Kunst, die Musik und die Architektur damals waren. Und am Ende wurde das alles zertrümmert. Es ist fast wie ein Mahnmal. Nun gehört meinem Sohn das Haus. Er ist Architekt geworden, lehrt als Professor in Berlin und ich hoffe, dass er das Haus genauso liebt und bewahrt.


Zur Person:
Monika von Starck wurde 1939 als Monika Helen Hußmann in Köln geboren. Sie studierte Philosophie und Germanistik an der Universität zu Köln und Freie Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1970 ist sie als freie Künstlerin tätig und malt in der Tradition von Max Beckmann und Otto Dix. Im Mittelpunkt ihrer großformatigen Ölgemälde steht der Mensch.

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